Yggdrasil

Yggdrasil (altnord., „Ross des Schrecklichen, Pferd Odins“ o. ä.; auch: Mímameiðr, Læraðr) ist in der germanischen Mythologie – aus den Berichten der Liederedda und der Prosa-Edda – ein riesenhafter immergrüner Baum, der sinnbildlich den Aufbau der gesamten Welt darstellen soll.

Laut Völuspá und Grímnismál ist Yggdrasil eine Esche. Daher sind auch die Bezeichnungen Weltesche oder Weltenesche verbreitet.

Insbesondere Läffler und de Vries deuteten jedoch eine Eibe u.a. wegen des Ausdrucks "barr", der in Fjölsvinnsmàl 20 ("Segðu mér þat, Fjölsviðr! er ek þik fregna mun ok ek vilja vita: hvat þat barr heitir, er breiðask um lönd öll limar?") auftaucht und der nur einen Nadelbaum bezeichnen könne.

Etymologie und Herkunft

Etymologie

Über die Bedeutung bzw. Wortherkunft des Namens "Yggdrasil" ist man sich bis heute uneinig. Vor allem scheiden sich die Geister bei der Frage, ob Yggdrasil allein bereits den Baum bezeichne oder erst "askr Yggdrasil" dies tue. Letzeres schließt die Deutung mit ein, dass Der Weltenbaum der Baum sei, an dem Odin als höchster Gott sein Pferd festbinde, da "Yggdrasil" zunächst "Yggs Pferd/ Ross" bedeute und Yggr ist ein Beiname Odins. Verbreiteter ist aber die auf den Odinsmythos (Odins Selbstopfer im Hávamál) bezogene Deutung, dass der Weltenbaum selbst das Pferd Odins sei, da dieser der "Galgen" sei, an dem Odin bei seinem Selbstopfer hängt.

Eine ganz andere Deutung schlug der Germanist und Skandinavist Franz Rolf Schröder (1893-1979) vor: Er übersetzt Yggdrasil als "Eibensäule", was er so herleitet, dass "yggia" von indogerman. *igwja komme, was "Eibe" bedeutet; "drasill" von indogerman.*dher, "stützen".


Anm.: Interressant ist hierbei die Deutung "Eibe", da es vom Weltenbaum heißt, er sei immergrün: „Eine Esche weiß ich stehen, sie heißt Yggdrasil, ein hoher Baum […] Sie steht immergrün über dem Urdbrunnen.“ (Lieder-Edda: Völuspá, 19). Die Esche ist jedoch nicht immergrün, die Eibe hingegen schon. Die Wandlung zur Esche könnte sich dadurch erklären, dass auf Island, wo die Edda abgefasst worden ist, keine Eiben wachsen.

Herkunft

Die in Yggdrasil gebündelten Symbolismen (Weltbaum, Weltachse (vgl. Irminsul), Himmelsstütze, Odins Opferbaum) führte einige zu der Annahme, dieser Mythos weise christliche Züge auf (vgl. die Kreuzholzlegende). Wahrscheinlicher aber sind indogermanische wenn nicht gar archetypische Vorstellungen um den Weltenbaum in Yggdrasil zusammengeflossen.


Aufbau

Datei:Yggrasilaufbau.jpg
Die Welten von Yggdrasil

Der Weltenbaum besteht aus neun verschiedenen Welten:

  • Midgard, die Mittelwelt, in der absoluten Mitte des Baumes gelegen
  • Asgard, die Welt der Asen, an der Spitze
  • Lichtalfenheim, die Welt der lichten (guten) Naturgeister, unterhalb von Asgard in der Krone gelegen
  • Niflheim, die Eiswelt, im Norden (am Boden)
  • Muspellsheim, die Feuerwelt, im Süden (am Boden)
  • Wanaheim, die Welt der Wanen, im Westen gelegen
  • Jötunheim, die Welt der Joten (Riesen), im Osten gelegen
  • Schwarzalfenheim, die Welt der schwarzen (bösen) Naturgeister, unter der Erde an den Wurzeln der Esche gelegen
  • Helheim, das Totenreich der Hel, weit unten an den Wurzeln der Esche

Yggdrasil in der Edda

Lieder-Edda

Grímnismál 31 (altnordisch)

Deutsch von Simrock

Drei Wurzeln strecken sich nach dreien Seiten
Unter der Esche Yggdrasil:
Hel wohnt unter einer, unter der andern Hrimthursen,
Aber unter der dritten Menschen.


Fjölsvinnsmàl 19-20 (altnordisch)

Deutsch von Simrock

Sage mir, Fiölswinn, was ich dich fragen will
Und zu wissen wünsche:
Wie heißt der Baum, der die Zweige breitet
Über alle Lande?
Fiölswinn:
Mimameid heißt er, Menschen wissen selten
Aus welcher Wurzel er wächst.
Niemand erfährt auch wie er zu fällen ist,
Da Schwert noch Feuer ihm schadet.


Snorra-Edda

Gylfaginning 15 (altnordisch)

Deutsch von Simrock

Diese Esche ist der größte und beste von allen Bäumen: seine Zweige breiten sich über die ganze Welt ::und reichen hinauf über den Himmel. Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht, die sich weit ausdehnen: ::die eine zu den Asen, die andere zu den Hrimthursen, wo vormals Ginnungagap war; die dritte steht ::über Niflheim, und unter dieser Wurzel ist Hwergelmir und Nidhögg nagt von unten an ihr. Bei der ::andern Wurzel hingegen, welche sich zu den Hrimthursen erstreckt, ist Mimirs Brunnen, worin Weisheit ::und Verstand verborgen sind. Der Eigner des Brunnens heißt Mimir, und ist voller Weisheit, weil er ::täglich von dem Brunnen aus dem Giallarhorn trinkt. Einst kam Allvater dahin und verlangte einen ::Trunk aus dem Brunnen, erhielt ihn aber nicht eher, bis er sein Auge zum Pfand setzte. So heißt es ::in der Völuspa:
Alles weiß ich, Odin, wo dein Auge blieb:
In der vielbekannten Quelle Mimirs.
Met trinkt Mimir jeden Morgen
Aus Walvaters Pfand: wißt ihr was das bedeutet?
Unter der dritten Wurzel der Esche, die zum Himmel geht, ist ein Brunnen, der sehr heilig ist, Urds ::Brunnen genannt: da haben die Götter ihre Gerichtsstätte; jeden Tag reiten die Asen dahin über ::Bifröst, welche auch Asenbrücke heißt.



Literatur

  • R.Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (2006), S.494-496.
  • Die Lieder-Edda (Ältere Edda, Codex Regius, Saemundar Edda).In der Übersetzung von Karl Simrock (1851); 1,15; 2,31; 14,19-20.
  • Die Snorra-Edda (Prosa-Edda, Jüngere Edda).In der Übersetzung von Karl Simrock (1851); 1,15.