Völkerwanderung

Die Völkerwanderung war eine ausgedehnte Wanderbewegung von Völkern in der europäischen Spätantike. Erste Anzeichen dieser Wanderbewegungen können bereits im 1. Jh. v. Chr. festgestellt werden, im engeren Sinne wird mit dem Begriff Völkerwanderung aber die Ereignisse des 4. bis 6. Jh. bezeichnet, genauer vom Einbruch der Hunnen nach Ostmitteleuropa 375/376, die damit eine Fluchtbewegung anderer Völker in diesem Raum auslösten, bis zum Einfall der Langobarden in Italien 568.

An diesen Wanderungen beteiligt waren vor allem germanische Stämme, daneben aber auch Slawen und im Gefolge der Hunnen ausserdem Iranier und Turkvölker. Im Osten Europas hielten diese Wanderungen auch nach dem Ende der Spätantike an, bis zum Einfall der Magyaren nach Pannonien im 9. Jh. In Asien blieb der Wanderungsdruck nomadischer Völker erhalten, zunächst im 7. Jh. durch die Araber und die Ausbreitung des Islam, im 8. Jh. ausserdem durch die Turkvölker nach dem Göktürkenreiches weiter bestehen, bis zur Besiedelung Anatoliens durch die Seldschuken im 11. Jh. An die frühmittelalterlichen Migrationen schliessen dann die Mongoleneinfälle des 13. Jh. an.

Germanische Wanderungsbewegungen vor dem Einfall der Hunnen

Schon vor dem Beginn der europäischen Völkerwanderungszeit hatte es im außerrömischen Barbaricum Völkerwanderungsbewegungen der Germanen gegeben. Bereits Ende des 2. Jahrhunderts vdZr. trafen die Römer auf Kimbern und Teutonen und hielten deren Zug auf. Auch später kam es zu militärischen Konflikten. Die Germanen, die nie eine politische Einheit darstellten und den Römern zahlenmäßig nicht überlegen waren, traten aber auch friedlich in Kontakt mit Rom. An der Grenze wurde Handel getrieben und Germanen dienten nicht selten im römischen Heer.

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Wanderzüge der Kimbern und Teutonen. 2 Jh. vdZr.

Über viele Wanderungsbewegungen jenseits des römischen Horizonts wissen wir dennoch oft nur aus zumeist mündlich tradierten Berichten, die später schriftlich festgehalten wurden und dabei oft mythisch verklärt sind. Die wohl bekannteste dieser Ursprungsgeschichten, eine sogenannte Origo gentis, ist die Gotengeschichte (oder Getica) des Jordanes aus dem 6. Jahrhundert. Entgegen seiner Darstellung, dass die Goten aus Skandinavien stammen würden, sind sie nach heutiger Erkenntnis im 2. Jahrhundert n. Chr. von dem Gebiet an der Weichsel in Richtung Schwarzes Meer gezogen. Die Goten verursachten damit die erste größere Wanderbewegung und verdrängten die Vandalen und Markomannen nach Süden und die Burgunden nach Westen. Diese Bevölkerungsverschiebungen waren einer der Auslöser für die Markomannenkriege, in denen Rom der Germanen nur mit Mühe Herr werden konnte.

Wanderungen des zweiten bis fünften Jahrhunderts uZr.

Etwa um 290 teilten sich die Goten in Terwingen/Visigoten und Greutungen/Ostrogoten auf. Später wurde die Trennung der beiden Gruppen als schlichte geografische Aufteilung interpretiert, aus den ersteren wurden die Westgoten, aus letzteren die Ostgoten. Diese Darstellung ist allerdings grob vereinfachend, denn tatsächlich nahmen sowohl Teile der Greutungen als auch Mitglieder anderer gentes an der Ethnogenese der Westgoten teil. Ebenso waren die aus dem Gros der Greutungen hervorgehenden Ostgoten kein ethnisch homogener Verband. Siehe Artikel Goten. Die Greutungen/„Ostgoten“ siedelten sich im Schwarzmeerraum der heutigen Ukraine an. Die Terwingen/„Westgoten“ ließen sich vorerst auf der Balkanhalbinsel nieder, im Raum nördlich der Donau im heutigen Siebenbürgen. Die Terwingen gerieten dabei in direkten Kontakt mit Rom, es kam sogar zu militärischen Auseinandersetzungen, die aber nicht entscheidend waren. 332 erhielten die Donaugoten den Status von foederati, mussten also Rom vertraglich garantierte Waffenhilfe leisten. Der Gotenzug ist vor allem deshalb von Interesse, weil die nachfolgende Entwicklung gerade für die Goten nachhaltige Folgen hatte: Der Hunneneinbruch 375 (siehe unten) vertrieb sie nicht nur aus ihrer neuen Heimat, sondern setzte durch das darauffolgende Übersetzen der Goten ins Imperium einen Prozess in Gang, in dessen Folge Rom ums Überleben zu kämpfen hatte.

Etwa zur gleichen Zeit wie die Goten wanderten die Langobarden von der Unterelbe nach Mähren und Pannonien. In dieser Zeit kam es nur zu kleineren Einfällen in römisches Herrschaftsgebiet, die entweder zurückgeschlagen wurden oder mit kleineren Grenzkorrekturen endeten. Weiter im Westen durchbrach die Stammeskonföderation der Alamannen im 3. Jahrhundert die römischen Grenzbefestigungen, den obergermanisch-raetischen Limes, und siedelte sich im sogenannten Dekumatland an. Viele Stämme wurden auch als Bundesgenossen gezielt an den Grenzen des Reiches angesiedelt und bildeten Puffer zu feindlicher gesinnten Stämmen (siehe Föderaten).

Rom hatte aus den Germaneneinfällen des 3. Jahrhunderts gelernt und im frühen 4. Jahrhundert umfassende militärische Reformen in Angriff genommen. Die Kaiser Diokletian und Konstantin der Große, der das Christentum im Imperium privilegierte (Konstantinische Wende), bauten das Bewegungsheer (comitatenses) aus und sicherten somit noch einmal die Grenzen. Der spätere Kaiser Julian Apostata konnte noch 357 in der Schlacht von Argentoratum ein zahlenmäßig wohl überlegenes alamannisches Aufgebot vernichten. Trotz der Schwierigkeiten, in die Rom im 3. Jahrhundert durch die Bildung gentiler Großverbände wie der Alamannen und Franken geraten war, war es militärisch diesen Vorstößen immer noch gewachsen. Doch mit dem Einfall der Hunnen änderte sich die Bedrohungslage fast schlagartig. Dies und der Umstand, dass sich in der Folgezeit die Qualität der wandernden gentes veränderte, sind die wichtigsten beiden Merkmale der Völkerwanderung, durch die sich diese trotz des relativ unscharfen Begriffs von den vorherigen Wanderungsbewegungen unterscheidet.

Siehe auch

Germanen

Literatur Quellen