Ding

(Weitergeleitet von Thing)

Ein Ding (engl. thing, anord. þing, unbelegt got. *þigg, von einem urgerm. *þengan[1]) ist eine Versammlung, speziell eine Gerichtsversammlung. Im Germanischen Recht ist das Ding die Versammlung aller freien Männer. In seine Kompetenz fiel die Auslegung oder Festlegung von Gesetzen, die Schlichtung von Streitfällen sowie die Wahl von Häuptlingen oder Königen. Das Ding stellt damnit eine frühe Form der Demokratie dar, direkt vergleichbar mit der um 510 v. Chr. von Kleisthenes eingeführten Athenischen δημοκρατια, an der auch ausschliesslich waffenfähge freie Männer beteiligt waren. Dem skandinavischen þing sassen die lög(sögu)menn vor, die das ererbte Stammesrecht auswendig wussten. Ganz ähnlich wie in heutigen Präsidentiellen Regierungssystemen das Parlament die Machtfülle des Präsidenten einschränkt, konnte das Ding sich gegen den König durchsetzen. Ein belegtes Beispiel dafür ereignete sich in Schweden im Jahr 1018, als sich der lögmaðr Þorgnýr den schwedischen König, Olawær skotkonongær, daran erinnerte, dass die Macht in Schweden letztlich beim Volk und nicht beim König liege (Heimskringla).

Ein Ding konnte regionalen oder überregionalen Charakter haben. Eine wichtige Rolle spielte das Alþingi im mittelalterlichen Island (930 bis 1262). Das überregionale Ding in Schweden war das allra Svía þing, abgehalten zu Dísablót in Gamla Uppsala, deshalb auch Dísaþing. Nach der Christianisierung wurde das Ding zu Lichtmess abgehalten und entsprechend in Kyndilþing umbenannt. Das Götaländische Gegenstück zum schwedischen Ding war das Alla götars ting in Skara.

Im deutschsprachigen Raum wurde das Ding oft unter einer Linde gehalten, und viele Gerichtslinden sind erhalten. Der älteste Baum Deutschlands ist die Gerichtslinde in Schenklengsfeld in Hessen (gepflanzt im 9. Jh.). Da die Gerichtslinde war oft der Muttergottes geweiht war, vermutete man in der Romantik, dass in vorchristlicher Zeit die Linde der Frija heilig gewesen sein könnte, als weibiches Gegenstück der dem Donar geheiligten Eiche.[2] Es gibt aber keinen direkten Hinweis, der diese Vermutung stützen würde.

In der Schweiz blieb das Ding in der Form der Landsgemeinde in einigen Kantonen, besonders in Appenzell Innerrhoden, bis ins 20. Jh. in seiner ursprünglichen Funktion erhalten. Stimmberechtigt waren alle unbescholtenen einheimischen erwachsenen Männer. Abgestimmt wurde durch Erheben des Seitengewehr (einer Stichwaffe).[3] Bereits 1848 wurden die Landsgemeinden in Zug und Schwyz abgeschafft. Uri folgte 1928. Das Frauenstimmrecht wurde in der Schweiz auf Bundesebene im Jahr 1971 eingeführt. Appenzell Ausserrhoden führte es auf kantonaler Ebene dagegen erst 1989 ein, und Appenzell Innerrhoden lehnte es sogar 1990 noch ab und wurde daraufhin vom Bundesgericht (gestützt auf den 1981 eingeführten "Gleichstellungsartikel") zur Einführung gezwungen. Die Landsgemeinden in Obwalden, Nidwalden und Appenzell Ausserrhoden wurde in den Jahren 1996-1998 abgeschafft. In Glarus ersetzt seit 2005 der Stimmrechtsausweis das Seitengewehr.

Anmerkungen

  1. Grimm; die heute gebräuchlichere Bedeutung von Ding "Sache, Objekt" ist sekundär, nach den einzelnen an einem Ding vorgebrachten Fällen.
  2. so Karl Strackerjan, ist die Eiche oder die Linde der Baum des Deutschen Volkes? (1874)
  3. Die Zeit, 5.6.1981