Schamanismus

Schamanismus ist ein religionswissenschaftlicher Begriff für eine grosse Gruppe von magisch-religiösen Praktiken. Schamane ist der Begriff für einen Spezialisten für solche Praktiken. Im engeren Sinn ist ein Schamane

Das Wort stammt aus dem tungusischen šamán. Tungusische Schamanen werden in Westeuropa erstmals 1692 vom niederländischen Geographen Nicolaes Witsen beschrieben. Der Begriff des Schamanismus wird um 1780 geprägt. Zu unterscheiden ist ein engerer und ein weiterer Gebrauch des Begriffs "Schamanismus". Der engere Gebrauch bezeichnet die ethnographisch direkt belegbaren magisch-religiösen Praktiken der Eingeborenenvölker Sibiriens. Im weiteren Gebrauch ist "Schamanismus" eine universelle frühe Form oder Vorform von Religion. In diesem Sinn kann "Schamanismus" in vormodernen Gesellschaften auf allen Kontinenten gefunden werden: Voraussetzung ist die Vorstellung von Geistern (Animismus) und einer jenseitigen "Geisterwelt", aber die Abwesenheit einer organisierten theistischen Religion mit einer Priesterklasse. Der Schamane ist ein Spezialist, der mit der Geisterwelt in Kontakt treten kann, besonders zum Zwecke der Heilung von Krankheiten, aber auch für andere magische Zwecke (Jagdmagie, Wettermagie, usw.).

Spuren schamanistischer Praxis in diesem Sinn finden sich bereits für das Jungpaläolithikum, speziell in Höhlenmalereien, in denen Männer in Tierverkleidungen eine zentrale Rolle spielen. In der Höhle von Lascaux (Dordogne) ist z.B. ein Mann abgebildet, der eine Vogelmaske trägt und wie tot, in seltsam verkrampfter Haltung, am Boden liegt. Direkt neben ihm ist eine Stange mit einem Vogel darauf zu sehen. Aus dem sibirischen Schamanismus ist letzteres Motiv gut bekannt: Der Vogel stellt entweder einen Hilfsgeist oder die Seele des Mannes bzw. Schamanen auf dem Weg ins Jenseits dar.


Inhalte und Merkmale

Schamanismus wird v.a. in der Ethnographie von Sibirien und Amerika beschrieben. Durch die menschheitsgeschichtlich späte Besiedelung Amerikas von Sibirien aus sind die Völker Sibiriens und Amerikas besonders nahe miteinander verwandt; in einem weiteren Sinn kann Schamanismus aber auch in Afrika, Südostasien und Ozeanien gefunden werden.

Die gemeinsamen Merkmale von Schamanen in diesen weltweit verteilten und im einzelnen sehr unterschiedlichen Kulturen sind etwa folgende:

  • ein Schamane wird "berufen", d.h. seine Begabung ist ihm angeboren und er wird durch Träume oder andere Zeichen auf sie aufmerksam gemacht.
  • ein zukünftiger Schamane wird während einer lange Ausbildungszeit durch ältere Schamanen an seine Berufung herangeführt.
  • am Ende der Ausbildung steht eine Initiation, meist eine ernsthafte physische oder psychologische Krise (shamanistic initiatory crisis).
  • der Schamane fungiert als Vermittler zwischen der Geisterwelt und den Nichtschamanen, er stelt seine Tätigkeit also in den Dienst seiner Gesellschaft und wird von Nichtschamanen konsultiert.
  • Schamanismus nimmt einen Körper-Seele Dualismus an, die Seele wird als grundsätzlich befähigt angesehen, den Körper zu verlassen. Der Schamane ist befähigt, seine Seele von seinem Körper zu lösen und auf "Geistreisen" ausserhalb seines Körpers zu gehen.

Berufung und Initiation von Schamanen verlaufen im allgemeinen nach folgendem Muster:

  1. Berufung: Der erste Schritt erfolgt durch eine Berufung durch die Geistmächte durch oftmals Visionen in Träumen oder auch am Tag, in denen sich z.B. die Seelen Verstorbener (v.a. ehemaliger Schamanen) zeigten, oder - häufiger - Geister (gewöhnlich in Tiergestalt). Diese forderten den zum Schamanen Bestimmten dazu auf, selbst Schamane zu werden. Ebendiese Geister oder Seelen übernahmen dann auch die Ausbildung des Initianden (bezüglich Techniken, Rituale). Nach Abschluss der Ausbildung nahm der Schamane für gewöhnlich seine Tätigkeit auf. Aber nicht immer blieb es dabei. In manchen Teilen der Welt war es üblich, dass der Schamane eine umfassende Verwandlung durchlebte:
  2. Initiation: Die Initiation zum Schamanen verlief zumeist nach folgendem Muster:

In einem Zustand der Bewusstlosigkeit (aufgrund Krankheit, Trance) erlebt der Novize, wie sein Körper von den Geistern in irgendeiner Weise zerstückelt bzw. getötet wird. Auf diesen Akt der Tötung erfolgt aber sogleich die Wiederbelebung: Die Körperteile werden auf irgendeine Weise gereinigt und wieder zusammen gesetzt. Der Mensch erstand auf diese Weise von Grund auf gewandelt zu einem neuen, anderen Leben auf Erden.

Verbreitung

Für folgende Völker wurde Schamanismus beschrieben:

Eurasien und Arktis
  • Eskimo-Aleutische und Paläo-Sibirische Völker[1]
    • Eskimovölker (Inuit, Yupik, usw.)
    • Tungusen. Chuonnasuan, der letzte bekannte voll ausgebildete tungusische Schamane, starb im Jahr 2000.[2]
    • Tschuktscho-kamtschadalische Völker
  • Hmong-Mien (Südchina): Ua Neeb
  • Ural-Altaische Völker
    • Koreaner: Mugyo
    • Mongolen: Bön
    • Turkvölker: Jakuten, Tuwiner, Dolganen, Altai-Türken (usw.)
    • Uralische Völker (Saami: noaidi, Samojeden, usw.)
Amerika

Die "Medizinmänner" der amerikanischen Völker wurden manchmal in der Ethnologie als "Schamanen" klassiert:

  • Algonkin-Völker, Ojibwe (medicine people)
  • Navacho (Hatałii)
  • Mapuche (Machi)
  • Aymara (Yatiri)
  • Indio-Völker im Amazonasbecken
  • Feuerländer (Selk'nam)
Afrika

Die witch-doctors Schwarzafrikas wurden manchmal in der Ethnologie als "Schamanen" klassiert.

Ozeanien
  • Papua Neu Guinea
  • Australische Aboriginies

"Schamanistische Aspekte" in Religionen

Der Begriff des "Schamanismus" wurde z.T. derart verallgemeinert, dass auch in theistischen Religionen "Spuren" schamanistischer Vergangenheit gesucht werden. Dahinter steht die Ansicht, dass Schamanismus einen religiösen Urzustand darstellt (vgl. Urreligion), aus dem sich erst im Neolithikum die eigentlichen Religionen der Völker der Welt gebildet haben. Daraus würde folgen, dass jede Religion eine schamanistische Vergangenheit hat, und entsprechend kann auch in jeder Religion nach "schamanistischen Elementen" gesucht werden. Dies wird insbesondere gerne für Volksreligion gemacht, und "schamanistische Elemente" werden oft in regionalen Formen des Buddhismus, in chinesischer Volksreligion sowie im japanischen Shinto gefunden. Ebenso können weltweit vormoderne, ethnische religiöse Traditionen auf Schamanistische Spuren untersucht werden. Selbst das Christentum, mit der Kreuzigung, Höllenfahrt und Auferstehung Christi (übernommen aus älteren orientalischen Mythen mit demselben Inhalt), kann als im Kern schamanistisch beschrieben werden.

Germanisches Heidentum

Solche Spuren wurden auch für die frühe germanische Religion postuliert, besonders im Umkreis des Gottes Wodanaz (Odin), wie etwa Odins Selbstopfer bzw. Odins Runenerwerb, der je nach Interpretationsansatz einmal mit der christlichen Kreuzigungsszene, mit historischem Menschenopfer oder eben mit schamanistischen Initiationsriten verglichen wird.

Odin wird desweiteren mit Details der Magie in Verbindung gebracht, die auf eine schamanistische Frühstufe der german. Religion zurückzuführen sein könnten. So verwendet er Mimirs sprechenden Kopf für Prophezeiungen und sein Hochsitz erinnert an Türme und Plattformen schamanischer Kultpraktiken. Derartige Konstruktionen wurden auch von german. Seherinnen verwendet und als seiðhjallr bezeichnet.[3] Auch der Baldermythos mit der seiner "klassischen" Abfolge Tod, Jenseitsreise und Wiederbelebung, wurde mit solchen Initiationsriten verglichen.

Neoschamanismus

siehe Neoschamanismus.

Der Neoschamanismus ist eine in den 1960er Jahren in den westlichen Ländern einsetzende Bewegung, verbunden mit einem wachsenden Interesse für nicht-westliche Spiritualität, dem Aufkommen des Umweltschutz-Gedankens, der Abwendung von der Kirche und der Suche nach existenziellen Alternativen.[4] Solche Alternativen findet der Neuschamanismus bei den Schamanen oder Medizinmännern Sibiriens, Afrikas und Amerikas.

Einzelnachweise

  1. die meisten dieser Völker leben oder lebten zumindest teilweise auf dem Gebiet der heutigen Russischen Federation. In Russland sind sie offiziell klassiert unter der Bezeichnung "zahlenmäßig kleine indigene Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens" (коренные малочисленные народы Севера, Сибири и Дальнего Востока)
  2. Noll, Richard; Shi, Kun. "Chuonnasuan (Meng Jin Fu), The Last Shaman of the Oroqen of Northeast China" (PDF). 韓國宗敎硏究 (Journal of Korean Religions) (西江大學校. 宗教硏究所 (Sŏgang Taehakkyo. Chonggyo Yŏnʾguso.)) 6: pp. 135–162. 2004.
  3. R.Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (2006), S.362-363
  4. Lindquist, Galina 1997: Internalization: Core Shamanism. In: Shamanic Performance on the Urban Scene: Neo-Shamanism in Contemporary Sweden. Stockholm Studies in Social Anthropology, 53.


Literatur

  • Klaus E.Müller, Schamanismus - Heiler, Geister, Rituale (2006).
  • R.Simek, Lexikon der germanischen Mythologie (2006).

Weblinks

Wikipedia-Artikel zu allgem. "Schamanismus"