Johann Wolfgang von Goethe

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Johann Wolfgang von Goethe (ᛘ 28. August 1749, ᛦ 22. März 1832, geadelt 1782) gilt als einer der bedeutendsten Repräsentanten deutschsprachiger Dichtung. In der Deutschen Klassik wurden vermehrt heidnische Motive und Erzählungen der Antike aufgegriffen. Insbesondere bei Goethe und Hölderlin war damit auch die damit verbundene Philosophie vertreten. Während Hölderlin den Göttern und Mythen der Griechen zugetan war, war es für Goethe vor allem die pantheistische Naturschau und die theosophisch motivierte Beschäftigung mit den Naturwissenschaften. Auch hatte der goethesche Begriff der "Entelechie" (dasjenige, was sein Ziel in sich selbst hat ) einen sehr hohen Wert in Fahrenkrogs Gedankenwelt. Sowohl Goethe als auch die GGG sahen auf der Grundlage von Ursache und Wirkung ebenso eine geistige Ursache der Bestimmung des Menschen, welche sich in den Lebensphasen (als inneres Abbild der Jahreszeiten) verwirklicht. Goethes letzte Worte „mehr Licht“ wurden später zu einem Leitspruch von Fahrenkrogs Lichtmystik.

Leben und Tätigkeit

Religionsverständnis

"Der große Heide" in der Zeit der Aufklärung

Abgesehen von einer kurzen Phase der Annäherung an pietistische Glaubensvorstellungen, die ihren Höhepunkt während Goethes Rekonvaleszenz von einer schweren Erkrankung in den Jahren 1768–1770 fand, blieb er gegenüber der christlichen Religion kritisch eingestellt.[1] Schon früh hatte er dem mit ihm befreundeten Theologen Johann Caspar Lavater in einem Antwortbrief 1782 beschieden, er sei „zwar kein Widerkrist, kein Unkrist aber ein dezidirter Nichtkrist“.[2] Der Goetheforscher Werner Keller fasst Goethes Vorbehalte gegen das Christentum in drei Punkten zusammen: „Die Kreuzessymbolik war für Goethe ein Ärgernis, die Lehre von der Erbsünde eine Entwürdigung der Schöpfung, Jesu Vergottung in der Trinität eine Blasphemie des einen Gottes.“[3]

Laut Heinrich Heine nannte man Goethe „den großen Heiden […] allgemein in Deutschland“.[4] In seiner durchweg optimistischen Sicht auf die menschliche Natur konnte er die Dogmen von Erbsünde und ewiger Verdammnis nicht akzeptieren.[5] Seine „Weltfrömmigkeit“ (ein Begriff von Goethe aus Wilhelm Meisters Wanderjahre) brachte ihn in Gegensatz zu allen weltverachtenden Religionen; alles Übernatürliche lehnte er ab.[6] In seiner großen Sturm- und Drang-Ode Prometheus fand Goethes religiöse Rebellion ihren stärksten dichterischen Ausdruck.[7] Nicholas Boyle sieht in ihr Goethes „explizite und wütende Absage an den Gott der Pietisten und den verlogenen Trost ihres Erlösers“.[8] Heißt es in der zweiten Strophe des Rollengedichts „Ich kenne nichts Ärmer’s / Unter der Sonn’ als euch Götter“, dann steigert sich die prometheische Revolte am Ende der siebenstrophigen Ode zur trotzigen Herausforderung von Zeus, dem Prometheus entgegenschleudert: „Hier sitz ich, forme Menschen / Nach meinem Bilde, / Ein Geschlecht, das mir gleich sei, / Zu leiden, weinen, / Genießen und zu freuen sich, / Und dein nicht zu achten, / Wie ich.“

Zwar beschäftigte Goethe sich intensiv mit Christentum, Judentum und Islam und deren maßgeblichen Texten, doch wandte er sich gegen jede Offenbarungsreligion und gegen die Vorstellung eines persönlichen Schöpfer-Gottes. Der Einzelne müsse das Göttliche in sich selber finden und nicht einer äußeren Offenbarung aufs Wort folgen.[9] Der Offenbarung setzte er die Anschauung entgegen. Navid Kermani spricht von einer „Religiosität der unmittelbaren Anschauung und allmenschlichen Erfahrung“, die „ohne Spekulation und fast ohne Glauben“ auskomme.[10] „Natur hat weder Kern noch Schale / Alles ist sie mit einem Male“, heißt es in Goethes Gedicht Allerdings. Dem Physiker. von 1820, womit er betonte, dass die Natur in der Gestalt zugleich ihr Wesen zeige. Auf Friedrich Heinrich Jacobis Schrift gegen Spinoza hatte er 1785 geantwortet, ein göttliches Wesen könne er nur in und aus den Einzeldingen erkennen, Spinoza „beweist nicht das Dasein Gottes, das Dasein ist Gott“.[11] In einem weiteren Schreiben verteidigte er Spinoza mit den Worten: „Ich halte mich fest und fester an die Gottesverehrung des Atheisten […] und überlasse euch alles was ihr Religion heisst“.[12]

Religiöse Selbstpositionierung

In seinen Naturstudien fand Goethe die Grundfesten der Wahrheit. Immer wieder bekannte er sich als Pantheist in der philosophischen Tradition Spinozas und als Polytheist in der Tradition der klassischen Antike.[13]

Zitat: "Wir sind naturforschend Pantheisten, dichtend Polytheisten, sittlich Monotheisten." [14]}}

Einem Reisenden gegenüber, berichtet Dorothea Schlegel, habe Goethe erklärt, er sei „in der Naturkunde und Philosophie ein Atheist, in der Kunst ein Heide und dem Gefühl nach ein Christ“.[15]

Beurteilung der monotheistischen Religionen

Die Bibel und der Koran, mit dem er sich zur Zeit der Dichtung am West-östlichen Divan beschäftigt hatte, waren ihm „poetische Geschichtsbücher, da und dort mit Weisheiten durchsetzt, doch auch mit zeitgebundenen Torheiten“.[16] Religionslehrer und Dichter sah er als „natürliche Gegner“ und Rivalen an: „die religiösen Lehrer möchten die Werke der Dichter ‚unterdrücken‘, ‚bei Seite schaffen‘, ‚unschädlich machen‘.“[17] Abgelöst von den Dogmen fand er in der Ikonographie und der erzählerischen Tradition aller bedeutenden Religionen, einschließlich des Islam und des Hinduismus, reiche Quellen für seine poetischen Symbole und Allusionen; die stärksten Zeugnisse davon liefern der Faust und der West-östliche Divan.[18]

Goethe liebte die plastische Darstellung der antiken Götter und Halbgötter, der Tempel und Heiligtümer, während ihm das Kreuz und die Darstellung gemarterter Leiber geradezu verhasst waren.[19]

"Vieles kann ich ertragen. Die meisten beschwerlichen Dinge / Duld ich mit ruhigem Mut, wie es ein Gott mir gebeut. / Wenige sind mir jedoch wie Gift und Schlange zuwider, / Viere: Rauch des Tabaks, Wanzen und Knoblauch und Kreuz." [20]}}

Dem Islam begegnete Goethe mit Respekt, aber nicht kritiklos.[21] In den Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des West-östlichen Divans. kritisierte er, Mahomet habe seinem Stamme „eine düstere Religionshülle übergeworfen“; dazu zählte er das negative Frauenbild, das Wein- und Rauschverbot und die Abneigung gegen die Poesie.[22]

Kult und Volksbrauchtum

Kirchliche Zeremonien und Prozessionen waren ihm „seelenloses Gepräge“ und „Mummereien“. Die Kirche wolle herrschen und brauche dazu „eine bornierte Masse, die sich duckt und die geneigt ist, sich beherrschen zu lassen“.[23] Die ganze Kirchengeschichte sei ein „Mischmasch von Irrtum und von Gewalt“.[24] Gleichwohl sah er im Christentum „eine Ordnungsmacht, die er respektierte und die er respektiert sehen wollte“.[25] Das Christentum sollte zwar den gesellschaftlichen Zusammenhang im Volk fördern, doch für die geistige Elite war es aus Goethes Sicht überflüssig,[26] denn: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, / hat auch Religion; / wer jene beiden nicht besitzt, / der habe Religion.“[27]

zu Tod, Leben und Wiedergeburt

Goethe war die Vorstellung der Wiedergeburt nicht fremd. Sein Unsterblichkeitsglaube basierte jedoch nicht auf religiösen, sondern philosophischen Prämissen, etwa auf der Leibnizschen Konzeption der unzerstörbaren Monade oder der Aristotelischen Entelechie.[28] Aus dem Gedanken der Tätigkeit entwickelte er im Gespräch mit Eckermann die These, dass die Natur verpflichtet sei, „wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, […] mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinem Geist nicht ferner auszuhalten vermag“.[29]


Ausgewählte Werke

  1. Hugh Barr Nisbet: Religion and Philosophie. In: Lesley Sharpe (Hrsg.): The Cambridge Companion to Goethe. Cambridge University Press, Cambridge 2002, S. 219 f.
  2. Goethe an Lavater, 29. Juli 1782, zitiert nach Terence James Reed: Der säkulare Goethe und seine Religion. In: Goethe-Jahrbuch. Band 130 / 2013, S. 61.
  3. Werner Keller: Altersmystik? Der späte Goethe und das Christentum seiner Zeit. Ein Fragment in Skizzenform. Zitiert nach Wolfgang Frühwald: Goethe und das Christentum. Anmerkungen zu einem ambivalenten Verhältnis. In: Goethe-Jahrbuch. Band 130, 2013, S. 47.
  4. Heinrich Heine: Sämtliche Werke. Band III: Schriften zur Literatur und Politik I. Mit Anmerkungen von Uwe Scheikert. 2. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1992, S. 295.
  5. Hugh Barr Nisbet: Religion and Philosophie. In: Lesley Sharpe (Hrsg.): The Cambridge Companion to Goethe. Cambridge University Press, Cambridge 2002, S. 220.
  6. Gerhard von Frankenberg: Johann Wolfgang von Goethe. In: Karlheinz Deschner (Hrsg.): Das Christentum im Urteil seiner Gegner. Max Hueber, Ismaning 1986, ISBN 3-19-005507-6, S. 152.
  7. Hugh Barr Nisbet: Religion and Philosophie. In: Lesley Sharpe (Hrsg.): The Cambridge Companion to Goethe. Cambridge University Press, Cambridge 2002, S. 221.
  8. Nicholas Boyle: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. Band I: 1749–1790. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 196.
  9. Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. Hanser, München 2013, S. 566.
  10. Navid Kermani: Gott-Atmen. Goethes Religion. In: Goethe-Jahrbuch. Band 130 / 2013, S. 27.
  11. Goethe an Jacobi, 9. Juni 1785, zitiert nach Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. Hanser, München 2013, S.p 297.
  12. Goethe an Jacobi, 5. Mai 1786, zitiert nach Terence James Reed: Der säkulare Goethe und seine Religion. In: Goethe-Jahrbuch. Band 130 / 2013, S. 59.
  13. Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. Hanser, München 2013, S. 534.
  14. Johann Wolfgang Goethe: Maximen und Reflexionen: Über Literatur und Leben. @zeno.org (abgerufen am 20. Januar 2015)
  15. Zitiert nach: Hans Dieter Betz: Antike und Christentum. Gesammelte Aufsätze IV. Mohr Siebeck, Tübingen 1998, ISBN 3-16-147008-7, S. 86.
  16. Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. Hanser, München 2013, S. 564.
  17. Katharina Mommsen: Goethe und die arabische Welt. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 436.
  18. Hugh Barr Nisbet: Religion and Philosophie. In: Lesley Sharpe (Hrsg.): The Cambridge Companion to Goethe. Cambridge University Press, Cambridge 2002, S. 224.
  19. Rüdiger Safranski: Goethe. Kunstwerk des Lebens. Biographie. Hanser, München 2013, S. 568.
  20. Zu dieser und weiteren religionskritischen Äußerungen siehe: Goethe und die Religion
  21. Vgl. dazu Hendrik Birus: Goethe – „ein Muselmann“? In: Goethe-Jahrbuch. Band 130 / 2013, S. 51–58.
  22. Katharina Mommsen: Goethe und die arabische Welt. Insel Verlag, Frankfurt am Main 1988, S. 437.
  23. Zitiert nach: Gerhard von Frankenberg: Johann Wolfgang von Goethe. In: Karlheinz Deschner (Hrsg.): Das Christentum im Urteil seiner Gegner. Max Hueber, Ismaning 1986, S. 161 und 163.
  24. Johann Wolfgang Goethe: Gedichte. Nachlese: Zahme Zenien 9. @zeno.org (abgerufen am 20. Januar 2015)
  25. Wolfgang Frühwald: Goethe und das Christentum. Anmerkungen zu einem ambivalenten Verhältnis. In: Goethe Jahrbuch. Band 130, 2013, S. 46.
  26. Nicholas Boyle: Goethe. Der Dichter in seiner Zeit. Band I: 1749–1790. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 441.
  27. Goethe Gedichte. herausgegeben und kommentiert von Erich Trunz. (Jubiläumsausgabe nach dem Text von Band 1 der Hamburger Ausgabe) C.H. Beck, München 2007, S. 367.
  28. Hugh Barr Nisbet: Religion and Philosophie. In: Lesley Sharpe (Hrsg.): The Cambridge Companion to Goethe. Cambrifge University Press, Cambridge 2002, S. 221.
  29. Vorlage:PGDW Insel Verlag, Frankfurt am Main 1981.