Germania (Tacitus)

Die Germania ist eine kurze ethnographische Schrift des römischen Schriftstellers und Politikers Tacitus, die um 98 n. d. Z. entstand.

Titel

Wie der vollständige lateinische Titel der Germania lautete, ist mit letzter Sicherheit nicht mehr festzustellen; der zumeist angegebene Titel De origine et situ Germanorum („Über Ursprung und geographische Lage der Germanen“) wird dem Inhalt nicht gerecht, da es sich zum größten Teil um eine Beschreibung der germanischen Kultur und Lebensweise handelt. Der gängige (Kurz-)Titel Germania entspricht der lateinischen Sitte, ein Buch nach seinem ersten Wort zu benennen, denn sie beginnt mit dem Satz: Germania omnis a Gallis Raetisque et Pannoniis Rheno et Danuvio fluminibus, a Sarmatis Dacisque mutuo metu aut montibus separatur („Ganz Germanien wird von Galliern sowie Raetiern und Pannoniern durch Rhein und Donau, von den Sarmaten und Dakern durch die Furcht voreinander oder durch Berge getrennt“).

Inhalt

In der Germania, die sich in einen allgemeinen und einen besonderen Teil gliedert, beschreibt Tacitus Germanien und benennt verschiedene germanische Stämme vom Rhein bis zur Weichsel und darüber hinaus. Er beschreibt Sitten und Gebräuche der Germanen und hebt ihre sittliche Lebensweise gegenüber der Verkommenheit der Römer hervor, wie ihr sittenstrenges Familienleben, ihr treuer und aufrichtiger Charakter, ihre Tapferkeit im Krieg und ihr Freiheitswille. Er weist aber auch auf die Schwächen hin, wie ihre Trägheit im Frieden, ihren Hang zu Würfelspiel und übermäßigem Bierkonsum.

Tacitus ist vermutlich nicht selbst in Germanien gewesen und kannte so die dortigen Verhältnisse nicht aus eigener Anschauung. Er bezog sein Wissen ausschließlich aus literarischen Quellen, z. B. aus Gaius Iulius Caesars Werk über den Gallischen Krieg. Was seine Intention mit dieser Schrift war, ist umstritten. Vielleicht wollte er der Dekadenz der römischen Sitten ein positives Gegenbeispiel entgegenhalten; dafür spricht, dass er die Germanen an einigen Stellen stark idealisierte. Andere Forscher halten das Werk nicht für einen Sittenspiegel, sondern für eine Ethnographie.

Rezeption

Die Schrift hat, zusammen mit den anderen „Kleinen Schriften“ des Tacitus, nur in einem einzigen Exemplar die Zeit des Humanismus erreicht. Es wurde von einem Agenten Poggio Bracciolinis in der Abtei Hersfeld aufgefunden und ca. 1455 nach Italien gebracht. Als erster hat sich Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., mit der Schrift befasst und dadurch die deutschen Humanisten aufmerksam gemacht (Conrad Celtis, Aventinus, vor allem Ulrich von Hutten). Von da an ist das Interesse der Deutschen an dem, was sie als „ihre Urgeschichte“ betrachteten, nicht mehr erloschen.

Die Behandlung durch Eduard Norden, die das Werk in das Umfeld der antiken Ethnographie gestellt hat, auch und gerade im Vergleich zu der weithin herrschenden Germanenideologie, ist auch nach mehr als 80 Jahren noch grundlegend.

Ausgabe und Übersetzung

  • Alf Önnerfors (Hrsg.): De origine et situ Germanorum liber. Teubner, Stuttgart 1983, ISBN 3-519-01838-1 (P. Cornelii Taciti libri qui supersunt, T. 2,2)
  • Manfred Fuhrmann (Übers.): Tacitus. Germania. Reclam, Stuttgart 1971 und öfter, ISBN 3-15-000726-7.
  • Joachim Herrmann (Hrsg.): Griechische und lateinische Quellen zur Frühgeschichte Mitteleuropas bis zur Mitte des 1. Jahrtausends u. Z., II. Teil, Tacitus Germania, lateinisch und deutsch von Gerhard Perl, Schriften und Quellen der Alten Welt, Bd. 37,2, Berlin 1990. ISBN 3-050-00349-9

Literatur

  • Christopher B. Krebs: Negotiatio Germaniae. Tacitus’ Germania und Enea Silvio Piccolomini, Giannantonio Campano, Conrad Celtis und Heinrich Bebel. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen: 2005 (Hypomnemata 158). ISBN 3-525-25257-9.
  • Eduard Norden: Die germanische Urgeschichte in Tacitus Germania. - 6. Aufl., unveränd. Abdr. d. 1. Aufl. 1920. Teubner, Stuttgart 1974. ISBN 3-519-07224-6
  • Dieter Timpe : Romano-Germanica : gesammelte Studien zur Germania des Tacitus. Teubner, Stuttgart und Leipzig 1995. ISBN 3-519-07428-1
  • Herbert Jankuhn / Dieter Timpe (Hrsg.): Beiträge zum Verständnis der Germania des Tacitus, Teil 1, Bericht über die Kolloquien der Kommission für die Altertumskunde Nord- und Mitteleuropas im Jahr 1986, AbhGöttingen 175, Göttingen 1989. ISBN 3-525-82459-9
  • Günter Neumann / Henning Seemann (Hrsg.): Beiträge zum Verständnis der Germania des Tacitus, Teil 2, Bericht über die Kolloquien der Kommission für die Altertumskunde Nord- und Mitteleuropas im Jahr 1986 und 1987, AbhGöttingen 195, Göttingen 1992. ISBN 3-525-82482-3
  • Jan-Wilhelm Beck: 'Germania' - 'Agricola': Zwei Kapitel zu Tacitus' zwei kleinen Schriften. Untersuchungen zu ihrer Intention und Datierung sowie zur Entwicklung ihres Verfassers, Spudasmata 68, Hildesheim 1998. ISBN 3-126-45000-8

Weblinks