Christentum

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Das Christentum ist eine Religion, die sich in der Spätantike (4.-6. Jh.) herausbildet, mit Anfängen die auch schon in die frühere Kaiserzeit (1. Jh.) hinabreichen. Im 4. Jh. wurde es zur Staatsreligion des Römischen Reiches und damit automatisch zur "Weltreligion". Der heutige deutschsprachige Raum wurde im 6.-9. Jh. christlich, und wurde ab dem 10. Jh. (Otto I) als ein neues Heiliges Römisches Reich verstanden.

Seit dem ersten Apostelkonzil im 1. Jh. erfuhr das Christentum zahlreiche Spaltungen in konkurrierende Kirchen (die markantesten im Mittelalter und der frühen Neuzeit), bleibt aber insgesamt, wenn man alle unterschiedlichen christlichen Konfessionen zusammenzählt, die Religion mit weltweit den meisten Anhängern.

Inhalte

Das Christentum in seiner früheren Geschichte (4.-7. Jh.) ist maßgeblich an der Herausbildung des Monotheismus beteiligt. Es greift dazu frühere Ansätze in der griechischen Philosophie einerseits (Plato) und im henotheistischen Kult des Judentums andererseits auf. Diese Entwicklung kulminiert erst im 7. Jh. mit der radikalen Form des Monotheismus, wie sie der Islam einführt.

Die zentrale Figur des Christentums ist Jesus von Nazareth (ca. 6 v. Chr. - ca. 30 n. Chr.), der als wandernder Rabbi in der römischen Provinz Judäa wirkte, und historisches Vorbild war für das altsächsische Heliand-Epos. Seine rabbinische Lehre stand in der ultra-liberalen Tradition Hillels, und war außerdem stark von der damaligen Mystik und Apokalyptik geprägt, wie letztere von dem Prediger Johannes "der Täufer" verkündet wurde. Jesus gilt aufgrund seines irdischen Wikens als eine (im doppelten Wortsinn) "menschliche" Erscheinungsform Gottes, woraus sich das christliche Gottesbild ableitet, das mit dem Namen Christus betitelt wurde. Die wichtigsten Quellen zum Christentum des 1. Jh. sind die als Neues Testament der Bibel gesammelten Berichte und Briefe. Diese Schriften datieren alle entweder in die zweite Hälfte des 1. Jh. oder ins frühe 2. Jh. Sehr großen Einfluss auf diese Kerntexte des Christentums nahm der jüdische Rabbiner und Mystiker Paulus von Tarsos, dessen theologische Ideen in zahlreichen Briefen ausgeführt werden. Ebenfalls großen Einfluss nahm Simon Petrus, der laut der Apostelgeschichte in Rom selber missionierte, und auf dessen Nachfolge sich bis heute das Papsttum beruft.

Die Überlieferung der christlichen Bibel

In der altsächsischen Literatur erzählt das Heldenlied vom Heliand eine Wiedergabe der wichtigsten Mythen, die über Jesus bekannt sind. Diese beschreiben vor allem sein Wirken mit den Menschen seiner Zeit und viele wichtige Dialoge und Predigten, die nach dem Tod des Paulus in sogenannten "Evangelien" (von griechisch "euaggelion" = "Frohe Botschaft") zusammengefasst wurden, von denen 4 (Markus, Matthäus, Lukas, Johannes) dann in das "Neue Testament" integriert wurden. Weitere Anekdoten und Aussprüche zu Jesus sind in zahlreichen frühchristlichen Briefen und Predigten erhalten. Wieviel davon tatsächlich auf Jesus von Nazareth selbst zurückgeht, ist dort aber noch stärker umstritten als in den 4 klassischen Evangelien der Bibel.

In den Texten der Bibel wird Jesus als der Christos'', d.i. der "Gesalbte", beschrieben, eine Übersetung des hebräischen Mašíaḥ (eingedeutscht Messias), ein von den alttestamentarischen Propheten angekündigter zukünftiger König, der das von den Assyrern zerstörte Israelitische Königreich wiederherstellen sollte. Die Erwartung dieses Messias war im Judentum der römischen Kaiserzeit ausgeprägt, da die Fremdherrschaft als drückende Unterjochung empfunden wurde. Neu im Christentum war allerdings, dass der Messias auch den Weg zum Heil für die Menschen beschreitet, und dabei in der Einheit von Gott und Mensch besteht, was in anderen Religionen nur als höchste Stufe der mystischen Erfahrung bekannt ist.

Nach der Darstellung in den Evangelien scheint Jesus während mehrer Jahre mit der Autorität eines Propheten gepredigt zu haben. Bei einem Auftritt in Jerusalem kritisierte er den Tempelkult. Daraufhin wurde er bei den römischen Behörden denunziert und schließlich durch Kreuzigung hingerichtet. Es wird suggeriert, dass die Hinrichtung damit begründet war, dass Jesus für sich die Identität des Messias anmaßte, was zugleich aus priesterlicher Sicht ein religiöses Vergehen und aus römischer Sicht politische Agitation gegen die Herrschaft Roms darstellte. Es geht aber nicht klar hervor, ob ein regulärer Prozess stattfand, auch scheint Jesus selbst diesen Anspruch nie vertreten zu haben.

Aus dieser Situation entstand eine missionierende Gemeinschaft, die an die Identität von Jesus als Messias glaubte und seine Wiederkunft und die Errichtung eines neuen theokratischen Königreichs für seine Anhänger erwartete. Diese Erwartung war von Jesus aber bereits zu seinen Lebzeiten deutlich verworfen worden, denn für Jesus war dieses Königreich weder zeitlich noch räumlich definierbar, noch überhaupt mit menschlichen Vorstellungen von Herrschaft zu erfassen. Vielmehr scheint er diese irdische Vorstellung vom Königreich durch eine himmlische Paradies-Erfahrung übertreffen zu wollen.

Die ursprüngliche Motivation dieser Gemeinschaft ist im Kontext der politischen Wirren zu sehen, die in den Jüdischen Aufstand von 66-70 n. Chr. mündeten. Diese "Frohe Botschaft" (Evangelium) des kommenden "Königreichs Gottes" zum Heil der Welt zu verbreiten und durch Dienst an den Menschen zu verwirklichen war der Auftrag der Apostel ("Boten"), dazu befähigt oder autorisiert wurden sie durch die Ausgießung des "Heiligen Geistes"[1] an Pfingsten, d.i. das Fest Schawuot 50 Tage nach Pessach (Ostern).

Die Menschwerdung Gottes

Als zentrale Hauptlehre des Christentums gilt die Überzeugung, dass Gott sich in der menschlichen Person Jesus von Nazareth offenbart hat. Jesus wird dadurch zum "Wort", also der universellen Erkenntnisoffenbarung Gottes. Da sich Gott auch im irdischen Handeln Jesu zeigt, gelten die Taten Jesu daher als Taten Gottes. Das göttliche Wesen des Menschen wird dabei als "Christus" beschrieben, mit dem auch der Gläubige vereint werden kann, und daher zu einem Teil von Christus wird (die Gläubigen bilden damit die Kirche als "Leib Christi"). Christus überwindet so den Zwiespalt von Gott und Mensch (was auch die Trennung der Menschen in Nationen, Religionen oder Geschlechter infrage stellt), sowie Leben und Tod.

Nach Jesus selbst ist es die Liebe zu Gott und dem Nächsten, die den Menschen zum heilvollen Handeln befähigt, und daher höher zu halten ist als alle Gebote und Handlungen. Somit wird Gott offenbar in der Liebes-Beziehung zwischen Mensch und Gott sowie zwischen Mensch und Mensch, was vor allem in den mystischen Jesus-Reden des Johannes-Evangeliums ausgeführt wird (in diesem Punkt hebt sich das Christentum von anderen Religion ab, wo die Gottesbegegnung davon unabhängig geschehen kann). Diese Liebe gibt dem Menschen den Status einer Gotteskindschaft. Darum wird Jesus auch der "Sohn Gottes" genannt.

Diese Grundlagen boten den frühen Christen eine gute Anknüpfungsmöglichkeit an heidnische Mythen, während sie im Judentum eher Ablehnung provozierten. Im Heidentum kannte man Mysterien, die die Einheit von Gott und Mensch zum Ziel hatten, sowie Geschichten über Menschen göttlicher Abkunft und Heilsgottheiten, die den Tod und den Untergang der Welt überwinden. Die Mythen um Jesus wurden in der Folgezeit diesen Vorstellungen angepasst. Allerdings verursachten diese Parallelen auch viele Missverständnisse, da die christlichen Grundgedanken durch die heidnische Weltsicht umgedeutet wurden. So wurde die Gotteskindschaft im Sinne einer biologischen Abstammung verstanden (wie die Abstammung von Herakles durch Zeus), oder aus dem göttlichen Wesen Jesu ein "neuer Gott" Christus geschaffen. Das führte innerhalb des Christentums und vor allem im Dialog mit anderen Religionen bis heute zu erheblichen Schwierigkeiten.

Die apostolischen Grundsätze

Die Leitsätze des frühen Christentums finden sich im Apostel-Bekenntnis (Symbolum Apostolorum), das zumindest im Kern aus dem 2. Jh. stammt und somit als frühchristlich (vor-Nizäanisch) gelten kann. Es beschreibt die Grundpfeiler des Christentums, die auch von den späteren Spaltungen nicht oder kaum berührt wurden. Es drückt im einzelnen aus:

  • den Glauben an Gott den Vater, Jesus als Christus und Gottes Sohn, sowie den Heiligen Geist als von Gott gesandten Helfer
  • den Glauben an den Tod, die Höllenfahrt, die Auferstehung und anschließende Himmelfahrt des Christus.
  • den Glauben an die Heiligkeit der Kirche (d.h. der Gemeinschaft aller Christen) sowie die communio sanctorum, d.i. eine mystische Einheit aller lebenden und toten Christen
  • den Glauben an eine Wiederkunft Christi, ein göttliches Gericht und endgültige Rettung aller Gläubigen.

Während die Dreiheit "Gott der Vater, Christus der Sohn und Heiliger Geist" allgemein christlich ist, sorgte durch das Erbe der griechischen Philosophie die Frage nach der gegenseitigen Beziehung dieser Dreiheit, und der (göttlichen oder menschlichen) Natur des Christus für jahrhundertelange Kontroversen und Kirchenspaltungen. Das Nizäanische Bekenntnis (325) besteht bereits auf der Göttlichkeit des Christus, und einer mystischen göttlichen "Dreieinigkeit" der genannten Dreiheit. Diese Position wurde zur vorherrschenden Lehre der Christlichen Kirche im Mittelalter und der Neuzeit, drückt aber bereits nicht mehr eine gesamt-christliche Ansicht aus. Speziell die Arianische Theologie, begründet von Arius von Alexandrien (ca. 256-336), der auch die Goten und andere ostgermanische Völker anhingen, lehnte die Dreieinigkeit ab. Die kontroversen Ansichten des Arius war die wichtigste in Nizäa behandelte Kontroverse.

Christologische Mythendeutung

Die Deutung von Mythen verläuft im Christentum nach einem "heilsgeschichtlichen" Muster. Heilsgeschichtlich bedeutet, dass es im Verlauf der Weltgeschichte zu einer schrittweisen Annäherung von Gott und Mensch kommt, was schließlich auf das Ende aller Dinge in der Vereinigung hinausläuft. Daher werden in der Geschichte Anhaltspunkte für die verschiedenen Erscheinungsformen Gottes in der christlichen Trinität gesucht.

Das betraf im frühen Christentum bereits die jüdische Bibel. So wurde ein Hinweis auf die Trinität in den 3 Engeln erkannt, die Abraham besuchen. Bei den Psalmen und Propheten fanden sich Verkündigungen zur Weltherrschaft Jahwehs, die als Vorahnung des "Reich Gottes" betrachtet werden.

Auch in den heidnischen Mythen von sterbenden und wiederauferstehenden Göttern, die häufig mit der Sonne verbunden oder von einer Jungfrau geboren werden, sah man Vorstufen der christlichen Auferstehung Jesu. Dafür fand man ebenso in der Bibel Anhaltspunkte: In der christlichen Schöpfungslehre ist Jesus das "Wort Gottes", das im Judentum mit der Lichtwerdung beginnt. Auch wurden viele heilverheißende Prophezeiungen auf Christus gedeutet: In der griechischen Lesart der Bibel wurde aus der "jungen Frau" eine "Jungfrau", weswegen auch Jesus eine Jungfrauengeburt zugesprochen wurde um sein geistiges Wesen als direkt aus Gott entstanden zu erklären.

Viele Mythen der Edda erfuhren ebenso eine christologische Deutung, die meisten davon bereits zur Zeit ihrer Niederschrift. Gerade die Mythen von Ragnarök galten als Ausdruck der Heilsgeschichte, weswegen sie in der Edda einen thematischen Schwerpunkt einnehmen. In den Namen der Norne Skuld, die für die Zukunft oder das Ziel steht, wollte man später auch die Konsequenz für "schuld"volles Handeln (auch der Asen) erkennen, das Welt und Leben zum Untergang führen. Andererseits wurden auch viele Mythen negativ interpretiert: So wurden (meistens in Unkenntnis der eigentlichen Inhalte) viele Gottheiten auch als schadhafte Dämonen gesehen, selbst der Mithras-Kult galt als "böse Nachahmung des Teufels".

Denominationen

Bereits in der ersten Generation trennte sich die Gemeinde in jüdische und heidnische Christen. Der Grund bestand darin, dass die Judenchristen weiterhin auf der Verbindlichkeit der jüdischen Gesetze bestanden, denen sich auch die Heiden unterstellen müssten. In den folgenden Jahrzehnten entstanden somit verschiedene Sekten beider Denomination, die sich teilweise auch mit der spätantiken Gnosis mischten. Einige dieser Gemeinden vereinigten sich dann zur Katholischen Kirche und schlossen die übrigen als "Irrlehrer" aus. Mit dem Konzil von Nizäa um 325 wurde die katholische Lehre für alle Christen verbindlich.

Während die frühen juden- und heidenchristlichen Gemeinden von der Bildfläche verschwanden, kam es zu einer weiteren Trennung: Die arianische Lehre war mit der katholischen unvereinbar und verbreitete sich daher rasant außerhalb des Römischen Reiches, vor allem bei den germanischen Stämmen. Später lösten sich dann (auch hinsichtlich der Unvereinbarkeit über die Göttlichkeit von Jesus und Maria) die nestorianische Kirche von der katholischen und breitete sich über Asien aus, wobei es zur starken Beeinflussung durch die Religionen Persiens (Manismus, Islam) und Chinas (Buddhismus, Taoismus) kam.

Zudem erfolgte eine geographische Trennung der Kirche in die westlich-katholische und östlich-orthodoxe, wobei die inhaltlichen Unterschiede hier vergleichsweise gering sind. Beide Kirchen haben über die Jahrhunderte Elemente vieler anderer Religionen in ihre Tradition integriert, vor allem aus dem Judentum und dem römischen Zweig des Hellenismus. Radikaler war die Spaltung der protestantischen Reform, die zuerst von Martin Luther angetrieben wurde. Sie verwarf die katholische Tradition und postulierte unter Rückgriff auf die frühchristlichen Zeugnisse sowie Erfahrungen der mittelalterlichen Mystik, dass im Verhältnis zwischen Gott und Mensch keine Autoritäten oder Traditionen notwendig seien, sondern allein der richtige Glaube und nicht das Befolgen von Geboten den Menschen zum Heil führe.

Geschichte

Urchristentum

Das frühe Christentum breitete sich im 1. bis 3. Jh. im ganzen römischen Reich aus. Ein grosser Vorteil bei der Anwerbung von Konvertiten war die Entscheidung des Apostelkonzils in Jerusalem (um 48), dass Nichtjuden Christen werden konnten, ohne zuvor zum Judentum zu konvertieren. Das ersparte den Interessenten z.B. die Beschneidung, die in der Griechischen Welt als barbarischen Brauch und damit als Hindernis für den Übertritt zum Judentum angesehen wurde.

Zunächst wurde das Christentum aus Griechisch-Römischer Sicht als eine Spielart des Judentums angesehen, das in seiner hellenisierten Form bereits seit dem 3. Jh. v. Chr. im Mittelmeerraum weit verbreitet war (v.a. in Ägypten) und auch Konvertiten offenstand. Damit genoss das frühe Christentum zunächst die Vorrechte des Judentums als religio licita, d.h. als von Rom neben dem Staatskult anerkannte Religion. Das änderte sich aber im 2. Jh., als das Christentum als superstitio iudaica als Abweichung vom eigentlichen Judentum gesehen wurde. Aufgrund der renitenten Weigerung seiner Anhänger, den römischen Staatskult zu ehren, kam es in der Folge zu Christenverfolgungen, zuletzt unter Julian (361-363).

Trotz des Verbots wuchs das Christentum aber im 3. und 4. Jh. rasch weiter, und nahm typische Züge eines spätantiken Mysterienkults an. Es wurde stark von Neoplatonischen Ideen beeinflusst, insbesondere in seinen Vorstellungen zum Schicksal der Seele nach dem Tod ("Himmel und Hölle") und stand in einem Konkurrenzverhältnis zu verschiedenen Gnostischen Richtungen. Besonders Origenes (ca. 185–ca. 254) und der während des gesamten Mittelalters höchst einflussreiche Pseudo-Dionysius (um 500) sorgten für starke Neoplatonische Einflüsse.

Das Christentum wurde 311 von Galerius legalisiert. Dies ermöglichte den bisher mehr oder weniger im Untergrund lebenden Gemeindevorstehern (Bischöfen) eine neue Bewegungsfreiheit, und 325 kam es zum ersten ökumensichen (weltweiten) Konzil in Nizäa. Auf dieses Datum wird das Ende des schlecht belegbaren "Urchristentums" gelegt, und die weiteren theologischen Entwicklungen werden klarer fassbar.

Römisches Reich

Umstritten ist die Rolle Konstantin des Grossen (r. 324-337) für den endgültigen Durchbruch des Christentums in Rom (die sog. "Konstantinische Wende"). Tatsache ist jedenfalls dass dieses innerhalb von 70 Jahren von einer vorerst nur geduldeten zu einer privilegierten Religion und schliesslich zum Staatskult wurde. Konstantin liess sich selbst erst an seinem Lebensende taufen, hielt sich aber bereits während seiner Regierungszeit vom heidnischen Kult fern, begünstigte Christen steuerlich und liess zudem seine Söhne christlich erziehen.

Trotz einer kurzfristigen Wiedereinsetzung des Verbots unter Julian (361-363) war der Durchbruch des Christentums nun nicht mehr aufzuhalten, und 380 wurde es von Theodosius I zum neuen Staatskult erhoben. In den folgenden Jahren wurde der vormals dominante Kult stark bedrängt: Besitztümer und Einkommen von Priestern und Vestalinnen sowie das Vermögen vieler Tempel wurde konfisziert. 392 wurden schliesslich heidnische Kulte ganz verboten. Theodosius unterdrückte den Widerstand der heidnischen Fraktion auch militärisch, und mit der Niederlage von Eugenius (394) wurde die Trennung von römischem Staat und heidnischem Kult endgültig. Nach dem Tode von Theodosius (395) kam es allerdings zu erneuten Unruhen, und Stilicho konnte im westlichen Reich einge Gesetze, die den heidnischen Kult wieder erleichterten, durchsetzen. 415 erliess Honorius ein Gesetz, das alle heidnischen Tempel im ganzen Reich konfiszierte. Im 5. Jh. folgen weitere Gesetze gegen Apostasie, und die Zerstörung aller heidnischen Tempel und Altäre in Athen und Olympia. 529 schliesst Justinian die Neue Akademie in Athen. Dies gilt als der Endpunkt der klassischen Antike und der Anfangspunkt des christlichen Byzantinischen Reiches.

Mit seiner neuen Stellung als römische Staatsreligion übernahm das Christentum starke kultische Anleihen an die priesterliche Tradition Roms. Mit der Bezeichnung Pontifex Maximus übernahm der Bischof von Rom (d.i. der Papst) direkt den Titel eines heidnischen Hohepriesters, und der auferstandene Christus wurde direkt mit Sol Invictus, dem Sonnengott des römischen Staatskults identifiziert.

Christianisierung Europas

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Darstellung des ungefähren historischen Verlaufs der Christianisierung und Islamisierung im Mittelalter, 6.-15. Jh. (rot: Westkirche, orange: Ostkirchen, grün: Islam)

476 war das Weströmische Reich zusammengebrochen, und mit den Einfällen von allerlei Barbaren war das Weiterbestehen des Christentums in Westeuropa alles andere als gesichert. Dennoch vermochte es sich durchzusetzen. Diese Christianisierung Westeuropas ging im wesentlichen wie folgt vor sich:

  • Die Goten waren bereits seit dem 4. Jh. christianisiert, d.h. bevor das Christentum römische Staatsreligion war.
  • Irland wurde im 5. bis 6. Jh. christlich. Irische Missionare spielten in der Folge eine wichtige Rolle bei der Re-Christianisierung des vormaligen Weströmischen Reiches.
  • Christianisierung der Franken 496 mit der Taufe von Chlodwig I nach dem Sieg über die Alamannen bei Zülpich.
  • England wurde im 7. Jh. christlich. Arwald, der letzte heidnische Angelsächsische König, starb 686.
  • Die Alamannen unter Fränkischer Herrschaft wurden im Lauf des 7. Jh. allmählich christianisiert.
  • Karl der Grosse liess sich 800, also 324 Jahre nach dem Fall Westroms, zum Kaiser krönen. Er christianisierte namentlich die Sachsen durch militärische Unterwerfung, und ermöglichte die irischen und angelsächsischen Missionaren den Zugang zum Kontinent.
  • Die Iberische Halbinsel war seit 718 islamisch, und wurde im Verlauf des Mittelalters schrittweise zurückerobert (die Reconquista, 722 bis 1942)

Ost- und Nordeuropa wurden einige Jahrhunderte später, im Hochmittelalter, christianisiert, das Baltikum gar erst gegen Ende des Mittelalters:

  • Die Slawen kamen vom 6. Jh. in Kontakt mit dem Byzantinischen Reich. Bulgarien wurde im 9. Jh. christlich, Polen und Russland folgen im 10. Jh., die Ungarn im 11. Jh.
  • Island wurde bereits 1000 durch einen Beschluss des Althingi christlich, allerdings ohne dass der private heidnische Kult verboten worden wäre.
  • in Norwegen gab es im 10. Jh. Konflikte zwischen christlichen und heidnischen Königen. Endgültig christlich wurde Norwegen unter Olaf Haraldsson (r. 1015-1028).
  • Der erste christliche König Schwedens war Olof Skötkonung (990er). Wie in Norwegen folgten verschiedene Konflikte zwischen christlichen und heidnischen Königen, besonders zwischen Blot-Sweyn und Inge I. in den 1080ern. Unter Inges Herrschaft wurde schliesslich der Tempel in Uppsala zerstört. Im 12. Jh. führte Sigurd I. eine Expedition gegen verbleibende Heiden in Småland.
  • Der Deutschritterorden christianisierte schlieslich das Baltikum im 14. und 15. Jh.

Die rasante Ausbreitung des Christentums im Europa des frühen Mittelalters führte zur dualistischen Kategorisierung von christlich gegenüber "heidnisch". Unter letzteren Begriff fielen damit sowohl die Mysterienkulte und philosophischen Spekulationen der Hellenistischen Hochkultur und der römische Staatskult als auch die ethnischen Religionen der "Barbaren" ausserhalb der Hellenistischen Hochkultur (Keltische Religion, Germanische Religion usw.) Sonderstatus als weder christlich noch heidnisch hatte lediglich das Judentum, aus dessen Terminologie der Begriff "heidnisch" überhaupt entlehnt war[2]Der Islam wurde zunächst als Christologische Häresie verstanden[3] Im Hochmittelalter werden dann aber zumindest umgangssprachlich auch die Muslime den "Heiden" zugerechnet.[4]

Hochmittelalter

Das Hochmittelalter beginnt um 1000 n. Chr., zu dem Zeitpunkt als die Christianisierung Westeuropas als abgeschlossen gelten konnte. In den folgenden Jahrhunderten kristallisierte sich eine zweipolige Weltpolitik zwischen der Christenheit im Westen und dem Islam im Osten heraus. Militärisch fand diese Rivalität ihren Ausdruck in den zahlreichen Kreuzzügen in denen der christliche Westen das Heilige Land, besonders das Heilige Grab in Jerusalem, zurückerobern wollte.

Innerhalb der Christenheit kam es allerdings gleichzeitig zum Grossen Schisma (ab 1054), die das vormals geeinte römische Christentum in eine Lateinische Westkirche (die Römisch Katholische Kirche) und eine Griechische Ostkirche spaltete. Während im Byzantinischen Reich die religiöse und die politische Macht gleichermassen beim Kaiser konzentriert blieben, entwickelte sich im Westen eine unselige Feindschaft zwischen dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches (d.i., das vormalige Ostfränkische und nachmalige Deutsche Reich) und dem Papst, der als eigenständige politische Macht einen Kirchenstaat in Italien verwaltete. Einen Höhepunkt dieses politischen Konfliktes zwischen geistlicher und weltlicher Macht wurde erreicht mit dem Investiturstreit um die Amtseinsetzung von Geistlichen, der 1076 am Reichstag in Worms ausbrach und bis zur Kompromisslösung im Jahre 1122 mit dem Wormser Konkordat andauerte.

Spätmittelalter und Reformation

1291 fiel die letzte Kreuzfahrerbastion in Akkon, und die militärische Verteidigung der Christenheit nahm aufgrund des Aufstiegs des Osmanischen Reichs defensivere Züge an, nach dem Fall Konstantinopels (1453) und des gesamten Balkans unter osmanische Herrschaft unter Mehmed II. (r. 1444–1481) sogar desperate.

Gleichzeitig wurde die Westkirche durch innere Streitigkeiten und den Kampf gegen zahlreiche unorthodoxe (häretische) Bewegungen geschwächt. Das Papsttum fiel in immer grössere Dekadenz, von 1309 bis 1417 residierten die Päpste in Avignon, mit zahlreichen Gegenpäpsten während des Abendländischen Schismas von 1378 bis 1417. Das Schisma wurde am Konzil von Konstanz überwunden, wo mit Jan Hus auch einer der Vorläufer der Reformation hingerichtet wurde, aber der Zerfall der Einheit der Westkirche war nun nicht mehr aufzuhalten. Die Hussitenkriege (1417-1439) waren nur ein Vorgeschmack auf die Reformationskriege, die Europa im 16. und 17. Jh. spalten sollten. Besonders das Heilige Römische Reich wurde konfessionell auseinandergerissen und stellte am Ende des Dreissigjährigen Krieges (1648) wenig mehr als ein loser Bund eines Flickenteppichs von konfessionell unabhängigen Fürstentümern dar.

In der Zwischenzeit bildeten sich aber mit Habsburg-Spanien ein kolonialistisches katholisches Weltreich, und mit dem Britischen Weltreich dessen protestantischer Erzrivale. Gleichzeitig eroberte das Russische Reich ganz Nordasien. Mit dem Kolonialismus verbreitete sich das Christentum weltweit, so dass ihm heute als Weltreligionen nur noch der Islam (Naher Osten, Nordafrika und Indonesien), der Hinduismus (Indien) und der Buddhismus (Ferner Osten) gegenüberstehen.

Neuzeit

Im späteren 18. Jh. begann mit der Aufklärung und den ersten Bekenntnissen zu Atheismus eine radikale Kritik an Religion überhaupt das Christentum von innen zu schwächen. Die Folge war eine Säkularisierung Europas, besonders in der Folge der Französischen Revolution. Erstmals wurde Religionsfreiheit als Menschenrecht formuliert, und der rasante technologische Fortschritt im Zuge der Industrialisierung förderte den Materialismus zusätzlich.

Mit dem Aufstieg der europäischen Kolonialmächte und dem raschen Zerfall des osmanischen Reiches stellte der Islam im 19. Jh. keine Bedrohung mehr dar. Das Christentum wurde nun aber durch die Säkularisierung einerseits, und durch die Entstehung zahlreicher romantischer, okkultistischer, spritistischer und orientalistischer "Neue religiöse Bewegungen" zunehmend bedrängt. Als eine direkte Reaktion auf diese Prozesse kann die Entstehung von Christlichem Fundamentalismus verstanden werden, der v.a. in den USA des 19. Jh. mit den sog. Great Awakenings zutage tritt. Die Gesellschaft der USA bleibt bis heute geradezu schizophren gespalten zwischen radikaler Religiosität, die jegliches aufklärerische Gedankengut ablehnt, und einer modernen, industrialisierten, materialistischen Gesellschaft. Insgesamt bekennen sich in Umfragen 75%-80% der US Amerikaner zu einem "Glauben an Gott". In Europa ist die Lage weniger polarisiert, und die Säkularisierung insgesamt weiter fortgeschritten, was die Kirchen insbesondere im deutschsprachigen Raum durch starken Mitgliederschwund zu spüren bekommen. Eine Umfrage von 2005 fand dass 52% der EU-Bürger einen "Glauben an Gott" ausdrücken, wobei dieser Anteil in traditionell protestantischen Ländern wesentlich geringer ist als in traditionell katholischen oder orthodoxen (ausgenommen das "laizistische" Frankreich mit unterdurchschnittlichen 34%). Maximale Werte (75% oder mehr) finden sich in Rumänen, Portugal, Polen und Griechenland, minimale (25% oder weniger) in Tschechien, Estland und Schweden.

Der Anteil der Christen an der Weltbevölkerung wird gegenwärtig auf etwa 33% geschätzt, gegenüber 20% Muslimen, 15% Religionsloser (inkl. Atheisten), 13% Hindus und 6% Buddhisten und 4% Vertreter von ethnischen bzw. Stammesreligionen.[5]



Anmerkungen

  1. Hagion Pneuma, übersetzt hebr. Ruach HaQodesh, ein begeisternder Einfluss, der als "Helfer" (Parakletos) gesandt wurde
  2. ethnikos und gentilis übersetzen hebr. goy und nochri.
  3. Johannes von Damaskus (um 700) betrachtet den Islam als eine konfuse Wiedergabe der arianischen Häresie, die Christus wohl als Propheten nicht aber als göttlich anerkennt.
  4. Walter von der Vogelweide hat in seinem Palästinalied (um 1217) Kristen, juden und die heiden / jehent, daz díz ir erbe sî, also "Christen, Juden und die Heiden (Muslime) behaupten, dass dies (das Heilige Land) ihr Erbe sei."
  5. Stand 2005, Quelle Encyclopedia Britannica