Balder

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Balder

Balder (altnord. baldr: „Herr“; Baldur, Baldr, Baldruus, Beldaeg, Phol) ist ein Sohn des Odin und der Frigg. Seine Brüder sind Hödur und Hermod. Die Göttin Nanna ist seine Gemahlin, mit der er den Sohn Forseti hat. Er lebt in Breidablik und wird als der gutmütigste und beliebteste der Götter geschildert. Beldegg wird in der jüngeren Edda als südgermanischer Name des Gottes Balder erwähnt. Beldegg, Vegdegg und Sigge seien drei Söhne von Odin und Frigga gewesen die zu den Stammvätern der Sachsen, Westfalen und Franken wurden. Eine Sagengestalt namens Beldaeg oder Beldeg ist auch aus den angelsächsischen Genealogien bekannt, die ihn als Sohn des Woden und Stammvater des Königreiches Northumbria nennen. Während die angelsächsische Entsprechung zum nordischen Baldr, "Baldor", nur als Titel und Anrede, u.a. für Jesus Christus, gesichert ist, war Baeldaeg recht sicher ein Gott der Sachsen und galt wohl als Lichtgott und Gott des Tages. Interessant am Namen Beldegg oder Beldaeg ist seine offensichtliche Kombination des Namens Bel mit dem des Dagr. In der Liederedda ist Dagr noch ein eigenständiger Gott, ein Sohn des Asen oder Zwergen Delling und der Riesin Nott. Spekulativ wird Delling auch als Odinsname gedeutet, sodass Dagr und Baldr wirklich möglicherweise als eine Person zu deuten wären. Baldruus ist ein Göttername welcher möglicherweise in einer Inschrift aus Utrecht als Beiname des Magusanus auftaucht. Die Inschrift ist jedoch nur schwer zu entziffern und die Lesung "Baldruus" äußerst spekulativ. Zum anderen erscheint eine Herleitung von Baldruus aus der Wurzel balđraz oder *balþaz, aus der Balder stammt, sehr unwahrscheinlich. Falls außerdem der -ansonsten gut belegte- Gott Magusanus eine Verbindung zu einem belegten altnordischen Götternamen aufweisen sollte, so wäre eher an den Thorssohn Magni zu denken. In der Vita des Bonifatius wird ein Gott namens "Biel" erwähnt. Aufgrund der Unsicherheit und des späten Datums der Vita (erst 17. Jahrhundert) gilt der Gott Biel jedoch als unsicher bis unglaubwürdig und wird heute zumeist als rein topisch aufgefasst. Zudem tritt Biel in einigen Volkssagen auf, deren Quelle allerdings möglicherweise erst die Heiligenvita war und die deshalb nicht auf ältere Überlieferungen zurückgreifen müssen. Ob Phol, ein Wort welches im 2. Merseburger Zauberspruch genannt wird, ein Name Balders ist, konnte bisher nicht restlos geklärt werden.


Mythos

Sagengeschichten aus der Nord- und Ostseeregion berichten vom Kampf zweier Könige, namentlich Bolder und Hader, wobei einer den anderen erschlägt. Ihre Wohnsitze werden mit Bolderslev und Haderslev identifiziert. In den meisten Fassungen ist Bolder derjenige, der stirbt. In der Hohen Mythologie wird diese Geschichte von Balder und Hödur vor allem in der Edda und der Gesta Danorum erzählt. Ansonsten verlieren sich die älteren Vorstufen der Mythen im Dunkeln. Ob zum Beispiel das althochdeutsche Muspilli, bei dem der jüdische Prophet Elias im Kampf mit dem Antichrist stirbt und durch sein Blut die Welt verbrennt, Erinnerungen an einen südgermanischen Balder-Mythos bewahrt haben, lässt sich wissenschaftlich nicht nachweisen.

Gesta Danorum

Im dritten Buch Saxos ist Hotherus der Sohn von Hothbrodus, damit ein Bruder des Atisl und Pflegesohn des Königs Gewar, was ihm statt eines göttlichen ein menschliches Wesen verleiht. Die Waldjungfrauen bezeichnen Balderus dagegen als "Halbgott, aus dem mit Geheimnis bedeckten Samen der Himmlischen entsprossen". Nanna ist hier die Tochter von König Gewar. Als Balder sie im Bad erblickt, ist er von ihrem Glanz und ihrer Schönheit geblendet und begehrt sie zur Frau. Nanna lehnt ihn allerdings ab, da er mit seinem Wunsch nach Verbindung von Gott und sterblicher Menschin einen unheilvollen Tabubruch herbeiführen würde, worauf es zum Konflikt kommt. In der Schlacht gegen Hother und die Sachsen stehen Thor und Othinus (Odin) ihm als göttliche Streitkräfte bei, werden aber durch eine List Hothers in die Flucht geschlagen, und so erringen die Menschen einen Sieg über die Götter. Hother heiratet daraufhin Nanna und wird König. Es folgen daraufhin weitere Kämpfe mit Balder, und durch die Machtverteilung wird Balder König von Dänemark und Hother König von Schweden. Im letzten Kampf bezwingt Hother den ansonsten unverletzbaren Balder mit Waffen, die er sich durch eine List von den Waldnymphen erschleicht. Der verwundete Balder versucht daraufhin, am nächsten Tag seinen Kampf fortzusetzen, wird jedoch auf dem Schlachtfeld (!) von Proserpina (identifiziert mit Hel) in die Arme genommen und geholt.

Als Gegenreaktion versucht Othin gemäß einer Prophezeiung mit Rinda, der Tochter des Russenkönigs, einen Sohn zu zeugen. Dreimal versucht er ihr in Verkleidung den Hof zu machen, wird aber jedesmal in Schande abgewiesen. Schließlich gibt er sich als heilkundige Frau aus, und vergewaltigt die wehrlose Rinda, die wegen einer Krankheit (im ganz wörtlichen Sinn) ans Bett gefesselt ist. Nach anderer Version wird er dazu vom König angestiftet, der ihn damit für die Heilung auszahlen möchte (Othin wird deswegen von den anderen Göttern in die Verbannung geschickt und von Ollerus vertreten). Sein neuer Sohn Bous erschlägt Hother darauf im Kampf.

Edda

Eines Tage träumt Balder von seinem eigenen Tod, woraufhin seine Mutter Frigg von allen Wesen und Dingen den Eid einfordert, Balder nichts zuleide zu tun. Nur einer kleinen Mistel schenkt sie keine Aufmerksamkeit, da sie ihr unbedeutend vorkommt. Von nun an kann nichts Balder mehr verletzen. Die Götter machen sich einen Sport daraus, Balder zum Spaß mit Steinen, Schwertern, Äxten und ähnlichem zu bewerfen, da Balder keinen Schaden davon trägt. Nur Loki weiß, dass die Mistel keinen Eid abgelegt hat, und er nutzt dies aus, indem er dem blinden Hödur die Mistel in die Hand gibt und ihn auffordert, mit ihr auf Balder zu werfen. Hödur, blind und unwissend, was er tut, folgt Lokis Aufforderung, und Balder sinkt, von der Mistel tödlich getroffen, zu Boden.

Nach der Bestattung Balders, bei der Nanna vor Gram ebenfalls stirbt und Odin Balder seinen Ring Draupnir mitgibt, beraten die Götter, was zu tun ist. Hermod schließlich erklärt sich bereit, nach Hel zu reiten und sie um die Freigabe Balders zu bitten. Dort angekommen erklärt sich Hel bereit, Balder ziehen zu lassen, wenn jedes Geschöpf und jedes Ding zum Zeichen der Trauer um Balder eine Träne vergießt. Daraufhin weinen alle Menschen, Götter, Tiere und Pflanzen. Sogar Riesen und Steine weinen um Balder. Nur eine alte Trollfrau namens Þökk weigert sich, hinter der Snorri Loki vermutet. So muss Balder bei Hel bleiben. Er gibt Hermod zum Abschied Draupnir für seinen Vater mit.

Hödur, der später von dem gerade geborenen Vali, dem Sohn Odins mit Rinda, aus Rache getötet wird, versöhnt sich aber in der Hel mit Balder, und sie kehren nach Ragnarök gemeinsam zurück, um in der neuen Welt zu leben.


Zaubersprüche

Die Merseburger Zaubersprüche berichten davon, dass "Phol" und "Wodan" in den Wald reiten, wobei sich "Balders "Volon" den Fuß verrenkt. Nach einer Lesart ist "Phol" hier ein anderer Name für Balder, der als zweite Person neben Wodan auftritt. In diesem Fall muss geklärt werden, welche Role Balder überhaupt in dem Zauberspruch spielt, da er ansonsten nicht mehr erwähnt wird. Eine andere Lesart versteht "Phol" als Verschreiber für "Volon" und "Balder" als Bezeichnung "Herr"; demzufolge wären die einzigen Personen des Zauberspruchs einfach nur der "Herr" Wodan und sein "Fohlen".

Fritz Steinbock (Asfrid) deutet auch den Straßburger Blutsegen als einen christlich umgedeuteten Balder-Mythos, in dem Genzan und Jordan für Hader und Balder stehen, wobei Hader auf Balder schießt und das Blut durch Frô (Vrô) und Wodan (Lâzakêre, "Lanzenschwinger") gestillt wird. [1]

Kult und Brauchtum

Die neuzeitlichen Balder-Interpretationen sind sehr stark von den (in der Ethnologie mittlerweile verpöhnten) Theorien George Frazers geprägt. Dieser berichtet in seinem Buch "The Golden Bough" (Der Goldene Zweig) von einem angeblichen Balder-Heiligtum in Norwegen, in welchem sein Bildnis neben dem der anderen Götter von Frauen gekleidet, gewärmt und geölt wurde. Allerdings lässt sich nicht herausfinden, woher Frazer von einem solchen Heiligtum hätte wissen können. [2] Zumindest die Fridthjofsaga erzählt vom Feueropfer eines geölten Balder-Gebildbrotes. [3]

Wann diese Feuer stattgefunden haben, ist nicht sicher belegt. Frazer nennt die Mittsommerfeuer, die meistens zur Sommersonnenwende stattfinden, in Schweden als "Balder’s Balar" (Balders Scheiterhaufen) und unterstreicht damit seine Theorie von einer Analogie des Leben Balders im Lauf der Sonne. Eine erzählende Darstellung dieses Zusammenhangs findet sich auch im Baldur-Drama von Ludwig Fahrenkrog. Somit wäre der jüdische Prophet Johannes "der Täufer" die mythologische Entsprechung zu Balder, der außerdem Züge des jüdischen Propheten Elias aufweist. Allerdings sind die Johannesfeuer im Gegensatz zu Balders Begräbnis nicht mit Unheil verbunden, da nach dem christlichen Volksglauben der Teufel in dieser Zeit keine Macht hat. Die hohe Bedeutung des Eideschwörens in dieser Zeit erinnert auch eher an die Vorgeschichte des Mistelschusses.

Balders Tod lässt sich im Jahreskreis daher auch mit einem längeren Zeitraum identifizieren, der mit der Sommersonnenwende beginnt und spätestens zum Winterbeginn mit der Winternacht endet. Der Winterbeginn wurde in Süddeutschland bei Einführung des Römischer Kalenders auf den 16.10. festgelegt. In der katholischen Kirche ist der Tagesheilige des 16.10. Balderich von Montfaucon, der im 7. Jahrhundert das gleichnamige Kloster stiftete.

Snorri führt außerdem die skandinavische Bezeichnung Baldrsbrār (Balders Braue) für die Hundskamille an, die daher Balder als Blume zugeordnet wäre. Einer Interpretation zufolge lebt in den Blumen das Leben des getöteten Gottes fort, so wie es auch Frazer für die Mistel postuliert, die das Leben des Baumes wie auch des Balder in sich trägt. Das würde den Brauch der glück- und friedensstiftenden Mistelzweige in der Weihnachtszeit allegorisch erklären.

Vergleichbare oder verwandte Gottheiten

Balder wird oft verglichen mit anderen Lichtgöttern wie dem keltischen Belenos oder dem slawischen Bielobog. Auch der semitische Gott Baal musste häufig zum Vergleich herhalten.

Die Problematik der Analogie beruht auf der schwierigen Etymologie des Namens Baldr, sollte er von einer Wurzel *balþaz abstammen, wäre er als "Herr, Tapfer" zu deuten und verwandt mit den angelsächsischen Titeln "Bealdor, Baldor" (Herr, Fürst, Mächtiger,Tapferer). Andere Deutungen ziehen jedoch eine Ableitung von einem Wort für "Glanz, Licht" vor. In letzterem Falle wäre eine Verbindung zu Belenos und Bielobog wahrscheinlich.

Als jugendlicher Lichtgott und göttlicher Sohn eines Himmelsgottes oder Vatergottes wird Balder auch oft mit Mabon, Maponos oder Angus Og verglichen.

In der Interpretatio Christiana wird Balder mit den Heiligen Johannes und Elias verglichen. Die Parallelen zu Johannes ergeben sich vor allem aus dem Bezug zur Sommersonnenwende und seinem Tod als unschuldiger Vorbote des weltbewegenden Unheils. Ein ähnlicher Vorbote ist der Prophet Elias, der als großer Hoffnungsträger der Israeliten gilt und in der christlichen Bibel Teil der Lichterscheinung von Jesus wird. Im Muspilli verteidigt Elias die Welt gegen den Antichrist und stirbt dort ebenso, wobei sein Blut die Erde verbrennt. Wie die Welt gerettet wird, ist im Muspilli nicht überliefert, aber scheint aus derselben Überlieferung wie der Weltenbrand der Völuspa zu entstammen.

  1. "Die Szene erinnert an den Tod Baldurs, der beim Ehrenschießen auf seine vermeintliche Unverwundbarkeit von seinem blinden Bruder Hödur mit einem Mistelzweig als Pfeil getötet wird. Die beiden Götter sind hier durch biblisch klingende Namen ersetzt, während das Paar aus dem zweiten, in der Handschrift mit eingebundenen Spruch die ursprünglichen Namen behalten hat: Vrô ist der Gott der Fruchtbarkeit (nordisch Freyr), Lâzakêre bedeutet "Lanzenschwinger" und ist wohl ein Beiname Wodans, der in der nordischen Überlieferung, aber auch auf früheren Bildwerken anderer Regionen wie dem Herrnhausener Reiterstein einen Speer trägt. Vermutlich hat der Schreiber diese Namen nicht mehr verstanden und daher keine Notwendigkeit gesehen, sie zu ersetzen."
  2. "Whether he was a real or merely a mythical personage, Balder was worshipped in Norway. On one of the bays of the beautiful Sogne Fiord, which penetrates far into the depths of the solemn Norwegian mountains, with their sombre pine-forests and their lofty cascades dissolving into spray before they reach the dark water of the fiord far below, Balder had a great sanctuary. It was called Balder’s Grove. A palisade enclosed the hallowed ground, and within it stood a spacious temple with the images of many gods, but none of them was worshipped with such devotion as Balder. So great was the awe with which the heathen regarded the place that no man might harm another there, nor steal his cattle, nor defile himself with women. But women cared for the images of the gods in the temple; they warmed them at the fire, anointed them with oil, and dried them with cloths." (zitiert nach http://www.sacred-texts.com/pag/frazer/gb06100.htm)
  3. Eine ähnliche Bedeutung wie der mexikanische Teiggott, mag auch der gebackene Vegetationsgott Baldr gehabt haben, von dem uns die Fridthjofsaga erzählt: die Heiden beschmieren Götterbilder mit Öl und backen sie; dabei fällt ein gebackener Baldr ins Feuer.

Literatur

  • Jacob Grimm: Deutsche Mythologie K. W. Schütz- Verlag, Coburg. ISBN 3-87725-133-1 (Überarbeiteter Reprint der Originalausgabe von 1943 nach dem Exemplar des Verlagsarchives)

Siehe auch

Baldrs draumar bzw Vegtamskviða